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Goldrausch auf dem virtuellen Planeten
Alle Netze münden ins Internet
Goldrausch auf dem virtuellen Planeten |
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Märkische Allgemeine Zeitung, Herbst 1994
© F. Bronner, Berlin
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Vor über dreissig Jahren stand San Francisco im Mittelpunkt der WorldNews:
"Sommer der Liebe", Friedensdemonstrationen, Hippies und LSD. Jetzt ist die Bay Area um San Francisco wieder das Zentrum für andere Wirklichkeiten: "Virtual Realities" - "virtuelle Wirklichkeiten" ist das Schlagwort zum Ende des Industriezeitalters. Computer-, Film-/TV- und Telekommunikationsindustrien erhalten ständige Impulse aus dieser ehemaligen Goldgräbersiedlung. Seitdem US-Präsident Clinton den Ausbau der "Daten-Super-Autobahn" zum nationalen Projekt erklärte, breitet sich von San Francisco ein neues "Goldfieber" aus: das "Internet",
der Welt größtes Computernetz, umschliesst schon den ganzen Planeten und wächst weiter!
Alle Netze münden ins Internet
Das "Daten-Autobahn-Netz" wächst immer schneller. Die Propaganda
von Clintons "Super-Autobahn" führte bisher nur dazu, daß
sich das Interesse an den existierenden Netzen vergrößerte. Alle
Netze münden ins "INTERNET". Das "Internet" ist eigentlich
nur ein Computerprogramm, das den Datenaustausch zwischen Computern übers
Telefon regelt. Weltweit benutzen täglich hunderte Millionen Computeranwender
diese Programme und Millionen Computer hängen sogar rund um die Uhr zusammen.
Es entstand ein neuer Kontinent: lebendig, sich verändernd.
Auf der anderen Seite der "Golden Gate Bridge", die Skyline San Franciscos
im Blickfeld, sitzt auf der Terrasse seines Hausboots Ted Nelson - hager, blondgrau,
schwarz gekleidet. So wie andere Männer Messer am Gürtel tragen, hat
er dort ein Etui mit mehreren Schreibstiften. Er ist ein Software-Entwickler,
ein Schriftsteller und ein Hacker.
Hacker sind Optimisten
Hacker sind im amerikanischen Sprachgebrauch Leute, die z.B. nicht hinnehmen,
daß ein handelsübliches Radio Daten nur empfangen kann. Diese Unzufriedenheit
entlädt sich in einer kreativen Aktion und anschließend kann dieses
Radio auch senden! Hacker sind Optimisten, weil sie eine mögliche Lösung
jeden Problems voraussetzen (viele deutsche Journalisten verwechseln "Hacker"
gerne mit "Cracker").
Wirtschaftlich waren Mister Nelson´s Entwicklungen bis heute kein Erfolg für
ihn selbst, weltweit profitieren jedoch viele Computerbenutzer davon. Seit mehr
als zwanzig Jahren beschäftigt er sich mit einer elektronischen Weltbibliothek,
dem "Projekt Xanadu". Dabei geht es natürlich um "Hypertext".
Mit diesem Begriff wurde Nelson bereits in den 60ern bekannt. Aktuell ist "Projekt
Xanadu" aber besonders interessant wegen seines Tantiemen-Abrechnungssystems.
Ein neuer Kontinent
Im neuen, "digitalen Kontinent" geht´s zu wie im "Wilden Westen".
Millionen werden gescheffelt, aber die Autoren erhalten davon nichts. Jemand
besitzt Rechte an einem Manuskript, aber nur für die Veröffentlichung
auf Papier. "Legal" oder "illegal" verschwinden in einer
Grauzone, die den gesamten elektronischen Raum umfaßt. Die elektronischen
Möglichkeiten schufen quasi eine neue "Frontier", was die "Grenze"
zwischen Zivilisation und unerschlossenen Gebieten bezeichnet. Gleichzeitig
bedeutet es auch "weites, neues Land", das jetzt erschaffen, erschlossen
und aufgeteilt wird. Die Siedler und Goldsucher brechen wieder auf. Heute sind
sie mit Modems ausgerüstet, mit denen sie ihre Computer übers Telefon
mit anderen Computern verbinden. Die Herausforderungen und Gefahren sind andere:
statt Revolverhelden werden Rechtsanwälte angeheuert. Die alten Paragraphen
funktionieren aber nicht in der digitalen Welt und es wird noch um die Gesetze
an sich gestritten.
Der virtuelle Planet
Der digitale Kontinent wird zum virtuellen Planeten und wir nennen es: "Cyberspace"!
Im Cyberspace ist Ted Nelson einer von vielen Göttern und wenigen Göttinnen.
Sie formen diesen Kontinent. Niemand hat darüber wirkliche Kontrolle, auch
nicht die U.S.-Regierung. Deren Versuche im nationalen Rahmen doch noch alles
kontrollierbar zu machen, interpretiert Nelson als eindeutige Tendenz zum Polizeistaat.
Und das ist in Kalifornien keine unpopuläre Meinung. Bürgerinitiativen
wollen die Privatsphäre im "Cyberspace" verteidigen: die bekannteste
und einflußreichste ist "The Electronic Frontier Foundation".
Diese geht davon aus, daß der "Cyberspace" auch die alte Welt
verändert. Zum Beispiel werden politische Parteien überflüssig.
"Offene Netze" ermöglichen und benötigen spontane Organisationsformen,
keine starren Muster. Deshalb wollen die Hacker Politik in seine Komponenten
zerlegen, und nach guter Hacker-Art, schließlich sogar die Politik reparieren!
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