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Gibt es eine weibliche Moral?

Wissenschaftlicher Streit über "das Gute" im Menschen


Es gibt keine weibliche Moral
Augsburger Allgemeine Zeitung, 1993

"Unsere Gesellschaft ist von männlichen Werten dominiert", behauptet die Dozentin der Universität Augsburg Frau Dr. Stephanie Handschuh-Heiß. "Die Diskrepanz zwischen den Erfahrungen der Frauen und der Darstellung der menschlichen Entwicklung in der Wissenschaft wurde bisher den Frauen angelastet."

"Gibt es eine weibliche Moral?"

Diese Frage erörterte Frau Dr. Handschuh-Heiß am Mittwochabend, bei einem Vortrag im Rahmen des Augustana-Forums. Wenn die Grundlage menschlichen Handelns "Anteilnahme" statt "Rationalität" wäre, und weil jede Entscheidung gleichzeitig Verletzung bedeutet, könne es keine "idealen, gerechten Lösungen" geben.

Ausgehend vom "Stufenmodell der moralischen Entwicklung nach Kohlberg" (1964), einem einflußreichen amerikanischen Entwicklungspsychologen, stellte sich Handschuh-Heiß in eine Reihe mit Carol Gilligan, einer ehemaligen Studentin Kohlbergs und populären Kritikerin seiner Forschungsergebnisse.

Kohlbergs "Entdeckung", die moralische Entwicklung der Frauen bliebe hinter der der Männer zurück, wird von Gilligan zurechtgerückt. Sie setzt gegen den männlichen Gerechtigkeitssinn weibliche Werte, die sie als "Ethik der Anteilnahme" (englisch "Care"), bezeichnet: weil sich Männer in ihrer Identitätsfindung von ihren Müttern trennen müssten, beinhalte ihr Handlungspotential Elemente von "Ausschluß, Spaltung, Trennung." Dagegen entwickelten Frauen eher "Verbundenheit, Kommunikation, Integration." Sie seien bedroht durch "Trennung", im Gegensatz zu den Männern, die vor "Intimität" zurückschrecken würden.

"Die andere Stimme"

(Titel des 1982 erschienen Buchs von Carol Gilligan) will jedenfalls keine Spaltung. Die Eingangsfrage sei eigentlich irreführend, und könne nur mit "Nein" beantwortet werden. "Moralische Reife" definierte Frau Dr. Handschuh-Heiß schließlich als "Annäherung der verschiedenen Moralauffassungen der Männer und Frauen, aber ohne Deckungsgleichheit" herstellen zu wollen.

Am nächsten Mittwoch soll in einem Abendseminar das Thema weiter diskutiert werden. Eine Anmeldung ist notwendig.


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